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Erinnern heißt auch, wach zu sein, wo Unrecht geschieht 09.11.2018 


Erinnern heißt auch, wach zu sein, wo Unrecht geschieht

Zum 80. Mal jährt sich der Novemberpogrom in Deutschland, als in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 in Deutschland Synagogen in Brand gesteckt wurden, Läden jüdischer Mitmenschen geplündert und ihre Heimstätten zerstört wurden. Es war der Start der Judenverfolgung, die in einem grauenhaften, nie dagewesenen Massenmord endete. Schon in dieser Novembernacht verloren Jüdinnen und Juden nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihre Würde, Sicherheit und viele unter ihnen ihr Leben. Landrätin Petra Enders nutzte das Gedenken, um auch zu mahnen und zu erinnern. "Wir müssen die Erinnerung wach halten, damit sie uns wach hält."

Dem Gedenken auf dem Arnstädter "Alten Friedhof", wo einst die Synagoge der Stadt stand, die in der Pogromnacht am 9. November 1938 zerstört wurde, ging eine würdevolle Gedenkveranstaltung im Rathaus voraus. Mit viel Gefühl begleiteten Sebastian und Gabriele Damm die Veranstaltung musikalisch. Schülerinnen und Schüler des Melissantes-Gymnasiums bewegten die Gäste mit ihren Rezitationen. Sie lasen Gedichte Überlebender und gaben durch Protokolle Einblicke in eine Nacht, die für Deutschland den Start des Nationalsozialismus markierte. Für viele damalige Arnstädter aber bedeutete sie das Ende ihres Lebens in der Stadt. 30 Männer wurden inhaftiert und im Rathaus grausam misshandelt. Frauen und Kinder deportiert und ermordet. 

Im Arnstädter Rathaus widmet sich nun eine Ausstellung der jüdischen Geschichte der Stadt. Judith Rüber und Jörg Kaps haben sie erstellt mit Unterstützung der Sparkasse Arnstadt-Ilmenau und der Stadtwerke Arnstadt. Eröffnet wurde sie nach der Gedenkveranstaltung am Freitag. Sie ist bis 4. Dezember zu sehen. Sie zeigt die Baupläne für die Synagoge, die Menschen, die sie mit Leben füllten und ein wichtiger Teil Arnstadts waren. Sie zeigt, wie diese Bürgerinnen Bürger ihres Glaubens wegen vertrieben, ermordet und gedemütigt wurden im Nationalsozialismus.

Die Pogromnacht ist ein wunder Punkt in der Stadtgeschichte. Sich ihm zu stellen, sei Aufgabe der jetzigen und nachfolgenden Generationen, wendete sich Bürgermeister Frank Spilling mit seinen Worten besonders an die Jugendlichen im Raum. Möglich sei dieser Pogrom gewesen, weil viele Mitbürgerinnen und Mitbürger in dieser Nacht wegschauten oder sich beteiligten. Kaum zu glauben, dass viele Arnstädter am 10. November 1938 diese Gräueltaten feierten und die Stadt die restlichen Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Säuberung ihrer zerstörten Synagoge anmahnte und in Rechnung stellten. "Wie konnte es so weit kommen?", fragte Frank Spilling immer wieder und zeigte sich beunruhigt mit dem zunehmenden Hass in der heutigen Gesellschaft. "Toleranz, Respekt und Zivilcourage sind nicht von oben zu verordnen. Sie müssen in der Gesellschaft gelebt werden."

Pfarrer Mathias Rüß bemerkte, dass das Erinnern noch gar nicht so lange andauert. Erst seit 30 Jahren hat es einen festen Platz in der Gesellschaft. Es brauchte aber 50 Jahre Distanz zur Tat, um überhaupt fassbar zu werden. Noch heute falle es schwer, das Ausmaß zu überblicken und mit der Schuldfrage umzugehen.

Landrätin Petra Enders legte schließlich gemeinsam mit Frank Spilling einen Gedenkkranz am Gedenkstein auf dem Alten Friedhof ab, wo einst die Synagoge Arnstadts stand. "Wir sind heute hier zusammengekommen, um zu verhindern, dass sich die Augen jemals vor dieser ungeheuerlichen Wahrheit verschließen. Verschließen vor dem, was ideologisch verblendete Menschen anrichten können, wenn man sie gewähren lässt."

Auch Schülerinnen und Schüler der Robert-Bosch-Schule beteiligen sich regelmäßig an diesem Gedenken. Sie pflegen etwa den Friedhof und haben in diesem Jahr ein Modell der Synagoge angefertigt. In der Schule widmeten sie sich in mehreren Projekten dem Gedenken. Sie zeigen deutlich, dass auch sie nicht vergessen und die Erinnerungskultur mitgestalten wollen.

V. i. S. d. P. Doreen Huth, Büro Landrätin

 

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